Nicole Eisenberg
Transparenz
rechts: Nicole Eisenberg in Dänemark
links: Inge Helle Jespersen mit Sohn Kristian
Als man mir 1989 die Künstlerin Nicole Eisenberg aus Paris vorstellte, die ich dann später in ihrem Atelier besuchte, haben mich ihre Arbeiten überrascht. Sie hat mir wohl fast alle ihre Arbeiten gezeigt, ja sogar mehrmals habe ich sie mir in jenen Tagen angesehen. Ich tat mich jedoch schwer, ihre Werke einzustufen. Die Tafelbilder und Stelen sind abstrakt, ungegenständlich - und trotzdem Landschaftsbilder, in denen sich die Natur geradezu spiegelt. Ich spürte sie förmlich und war beeindruckt, wie sie mit diese eigenwillige Technik das Licht hatte einfangen können. Selbst in der reduzierten Fläche ihrer Stelen vermittelt uns Nicole unsere Welt – als Reflex und Reflexion. Sie schafft Momentaufnahmen, in denen das, was wir wahrnehmen, unsichtbar, aber spürbar bleibt.
So erlebte ich in einer ganz eigenwilligen Form - je nach Sujet - die Hochebene von Peru, einen Gartenteich in Südfrankreich, die Nacht in Paris, und auch das Wattenmeer in Dänemark. Es sind Landschaftsformen – mit Licht gestaltet - die Nicole meisterhaft mit Farbe, Graphit, Metall- und Transparentfolien, Kunststoff, Watte oder anderen alltäglichen Materialien festhält.
Ich entsinne mich noch, als Nicole mich in Dänemark besuchte und wir uns im Bertolt-Brecht-Haus, am Wasser des Svendborg Sunds sitzend, über unsere gemeinsame Wanderausstellung Gedanken machten, dass sie zu mir sagte: „Es ist traumhaft hier – schau die Wellen mit den Lichtbrechungen, das halte ich eines Tages fest.“
So verging gut ein Jahrzehnt, in manchmal nächtelangem Gedankenaustausch kam vieles zur Sprache: Gott und die Welt, aber mehr noch die Kunst. Auch gemeinsame Ausstellungen wurden realisiert, sowohl in Japan als auch in der Türkei, dort mit Cengiz Cekil von der Dokuz Eylül Universität, in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut und dem Centre Culturel Français. Auch in Dänemark haben wir zusammen unsere Arbeiten präsentiert. Es waren große Ausstellungen, in denen Nicole erstmals mit Installationen vertreten war. Unvergesslich bleibt ihre erste Installation in Izmir, wo sie im Hotelzimmer bis in den frühen Morgen Hunderte von Teebeuteln bearbeitete und fast dem Zusammenbruch nahe war – ich feuerte sie an – es hat sie beflügelt.
In einer riesigen Traube hingen diese Teebeutel in unterschiedlichen Farben von der Decke der Ausstellungshalle der Izfas Sanat Galerisi im Kultur Park in Izmir herab, und an den Wänden hingen Stelen sowie gepresste Teebeutel. Sie alle hatten etwas Geheimnisvolles, spiegelten die Teeländer wider und rückten dabei die Türkei in ein Licht der Wahrnehmung. In den Medien wurde berichtet, dass mit Cekil, Kamphues und Eisenberg Izmir die bis dahin modernste Ausstellung zeigt. An dieser Stelle bedanke ich mich bei Nicole, denn sie als Frau war ein festes Fundament in unserer Runde. Die Ausstellung war schon etwas Besonderes.
Als ich im Januar 2008 wieder in Nicoles Gegend war, wollte ich sie mit meinem Besuch überraschen, hatte ich doch erfahren, dass sie sich einer schweren, zum Glück gut verlaufenen Operation hatte unterziehen müssen. Diese Überraschung ist mir geglückt, und es brach bei ihr Freude aus, als wir uns gegenüber standen. Mehrere Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Als ich in ihr Atelier kam, war es wie immer, ich sah unzählig viele Arbeiten, kleine und große. Sie arbeitete also immer noch intensiv, ich habe es geradezu gerochen. Nicole ist ein Licht im Verborgenen, sie geht anderen aus dem Weg, lebt ihrer Kunst. Arbeitstechnisch schiebt sie gerissenes Papier stundenlang hin und her - ähnlich wie Max Ernst - bis sie den richtigen Platz gefunden hat. Sie arbeitet zupackend, von innen heraus, ist experimentierfreudig und lässt sich nicht beeinflussen von einschränkender Ökonomie. Sie fügt in ihre Grundmaterialien oft kleine Zeichnungen ein. Neuerdings kommen Kunststoffstreifen hinzu, selbst den Effekt der statischen Aufladung bezieht sie in ihren Arbeiten mit ein. Gleich, mit welchem Material Nicole arbeitet - ihren Arbeiten eignet immer der Hauch des Transparenten - des Lichts.
Auch die Lichtbrechungen in den Wellen des Svendborg Sunds, diese nie ermüdenden Lichtbewegungen, die das sie umgebende, tages- und jahreszeitlich wechselnde Licht reflektieren, hat sie inzwischen eingefangen und in ihren Arbeiten festgehalten, meisterhaft, auf einmalige Weise. Ich habe es gespürt.
Für mich zählt Nicole Eisenberg zu den bedeutendsten Landschaftskünstlerinnen unserer Zeit – sie arbeitet mit dem Licht und wirkt auf mich wie ein Licht, und ich wünsche ihr, dass die internationale Kunstszene diesen Lichtschein wahrnimmt – er ist es wert.
Heinz-Otto Kamphues
Titel: blue shadow
Multiple: Auflage 30 Stück, signiert/nummeriert, 2008
Preis: 70 Euro / 90 Euro
Edition: Lydum Art Center